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Interview mit Prof. Dr. Franziska Cohen (PH Freiburg) & Sarah Schröter (Universität Bamberg) zum Forschungsprojekt "DIGIPaed"

Im  Forschungsprojekt „DIGIPaed. Digitalisierung in der frühkindlichen Bildung: Pädagogische Überzeugungen und Motivationen als Gelingensfaktoren der Implementierung in der pädagogischen Praxis“ wird untersucht, welchen Wert pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten dem Einsatz digitaler Medien beimessen.

In einem Interview vom Dezember, 2022 erläutern Frau Prof. Dr. Franziska Cohen (PH Freiburg) und Frau Sarah Schröter (Universität Bamberg) unserem Projektmitarbeiter Fabian Hemmerich die genauen Ziele, die Methodik sowie einzelne bisherige Ergebnisse und Implikationen des Forschungsprojekts.

 

FH: Liebe Frau Prof. Dr. Cohen, Liebe Frau Schröter, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen und uns von Ihrem Forschungsprojekt zur Digitalisierung in der frühkindlichen Bildung berichten! Bitte beschreiben Sie doch zunächst kurz, um was genau es in Ihrem Forschungsprojekt geht und was genau Sie herausfinden möchten?

SKS: Vielen Dank erstmal für Ihr Interesse unserer Forschung.

Zu Ihrer Frage: Digitale Medien sind Teil der Lebensrealität von fast allen Familien in Deutschland geworden. Internationale Forschungsarbeiten weisen auf große Potenziale der Mediennutzung in frühkindlichen Bildungseinrichtungen für die Entwicklung der Kinder hin. Das finden wir sehr spannend und wollten uns das mal im deutschen Kontext anschauen.

Wir fokussieren in unserer Forschung daher vor allem den Einsatz digitaler Medien in Kitas in Deutschland. Hierbei interessieren wir uns besonders für die Pädagogischen Überzeugungen (also welchen pädagogischen Wert messen Fachkräfte digitalen Medien bei?) und Motivationen/ Emotionen (d.h. sind Fachkräfte beispielweise eher ängstlich oder freudig beim Einsatz digitaler Medien in der Kita?). Wir schauen uns diese Kompetenzfacetten an, da diese als zentrale Voraussetzungen für die Bereitstellung qualitativ hochwertiger Lerngelegenheiten in frühkindlichen Bildungseinrichtungen gelten.

Wir untersuchen hierbei welche Zusammenhänge zwischen digitalisierungsbezogenen, pädagogischen Überzeugungen, Motivationen und Selbstwirksamkeitserwartungen von frühpädagogischen Fachkräften bestehen. Darauf aufbauend gehen wir der Frage nach, wie die genannten Aspekte die Implementierung digitaler Medien in den frühpädagogischen Alltag beeinflussen.

FH: Vielen Dank, das klingt wirklich sehr interessant! Und wie genau gehen Sie methodisch vor, um zu Erkenntnissen zu den Forschungszielen Ihres Projekts zu gelangen?

FC: Die Studie ist vor allem quantitativ ausgerichtet und als multimethodale Untersuchung mit drei Teilstudien designed. Wir haben eine qualitative Dokumentenanalyse durchgeführt, um die geteilten Überzeugungen der Fachdisziplin zur Nutzung digitaler Medien in frühkindlichen Bildungseinrichtungen zu ermitteln.

Zudem wurden zwei Fragebögen entwickelt (einer für Leitungskräfte und einer für pädagogische Fachkräfte) sowie eine standardisierte Tagebuchstudie durchgeführt. In der Tagebuchstudie wurden die Fachkräfte gebeten, Fragen zu ihrem Alltag in der Kita zu beantworten, beispielweise ob sie heute digitale Medien in ihrer Arbeit verwendet haben; welche Bildungsbereiche sie damit gefördert haben; wie sie die Aktivität gestaltet haben etc.

Wir haben uns dann zunächst deskriptiv die Verteilungen angeschaut und zudem komplexere Mehrebenenanalysen durchgeführt, die es uns ermöglichten, Einflüsse struktureller Voraussetzungen zu analysieren.

FH: Okay, also das heißt, Ihr Projekt umfasst gleich mehrere Teilstudien. Sind diese alle auch bereits abgeschlossen?

FC: Ja, die Datenerhebung hat sich zwar aufgrund von der Corona - Pandemie und dem damit einhergehenden Lockdown etwas verzögert, konnte aber dennoch 2021 abgeschlossen werden. Wir haben nun die ersten Daten analysiert und arbeiten intensiv am Ergebnisbericht. Das Projekt läuft noch bis zum 31.12.2022.

FH: Verstehe! Und welche Erkenntnisse haben Sie denn bisher gewinnen können? Vielleicht können Sie uns ja ein paar besonders interessante bisherige Ergebnisse aus den einzelnen Teilstudien berichten?

SKS: Gerne! Wir müssen zunächst darauf hinweisen, dass wir keine repräsentative Stichprobe haben.
In den Analysen hat sich zunächst gezeigt, dass durchschnittlich 1-2 mal im Monat medienpädagogische Aktivitäten in den untersuchten Kitas angeboten werden.

Als Hinderungsgrund für den Einsatz digitaler Medien gaben die pädagogischen Fachkräfte vor allem eine unzureichende technische Ausstattung an. In den multivariaten Analysen zeigten sich hingegen nur leichte Tendenzen für diesen Zusammenhang, d.h. die Ausstattung scheint nicht der eigentliche entscheidende Faktor zu sein.

Vielmehr hat sich in den Analysen bestätigt, dass die Überzeugungen und Motivationen der Fachkräfte gegenüber digitalen Medien eine entscheidende Rolle für den Einsatz im Kitaalltag spielen, d.h. das Fachkräfte die den Einsatz digitaler Medien als wertvolle pädagogische Komponente zur Entwicklungsförderung der Kinder sehen oder auch mehr Freude am Einsatz digitaler Medien haben, diese auch häufiger in ihrer Arbeit nutzten.

Neben den Ergebnissen der pädagogischen Arbeit haben wir uns auch für den Einsatz digitaler Medien in der Elternzusammenarbeit interessiert. Hier wurden E-Mails, Messenger-Dienste oder Online – Portale von den untersuchten Fachkräften circa 1-2-mal pro Halbjahr verwendet.

FH: Vielen Dank! Das sind ja auf jeden Fall schon einmal sehr interessante Befunde! Was uns jetzt natürlich auch noch besonders interessieren würde: Können Sie aus Ihren bisherigen Ergebnissen denn auch bereits ein paar Empfehlungen für die pädagogische Praxis in der Kindertagesbetreuung ableiten? Und wenn ja, welche?

SKS: Wir finden es erstmal gut, das digitale Medien zunehmend in der Kita implementiert werden. Digitale Medien sollten von Fachkräften hierbei sowohl als eigenständiger Bildungsbereich aber auch bildungsbereichsübergreifend, als „Werkzeug“, verstanden werden.

Wir würden uns wünschen, dass Kitateams in den gemeinsamen Austausch treten, auch mit den Eltern, und ein medienpädagogisches Konzept entwickeln. Wir sehen dies als gemeinsame Aufgabe des Teams, wobei die Leitung eine zentrale Rolle einnimmt, um die Innovation voranzutreiben. Gerade in Bezug auf Multikulturalität ist das Potenzial digitaler Medien noch nicht vollends genutzt.

Zudem sollten Träger und Kitas den Fachkräften neben der pädagogischen Arbeit auch die Nutzung digitaler Medien in anderen Bereichen ermöglichen, wie in der Elternzusammenarbeit, Teamprozessen oder auch administrativen Tätigkeiten. Vorbehalte im Team müssen hierbei zunächst berücksichtigt werden und ggf. muss dort angesetzt werden, d.h. Gründe sollten eruiert werden.

Der Einsatz digitaler Medien in der Elternzusammenarbeit oder zur Unterstützung administrativer Prozesse kann ein erster Schritt sein und Hürden abzubauen. Gleichwohl wissen wir, dass die Nutzung digitaler Medien in der pädagogischen Arbeit mit Kindern mit durchaus skeptischeren Überzeugungen einhergeht.

FH: Danke für Ihre Erläuterungen! Und wie sieht es mit der Ebene der (öffentlichen und freien) Träger der Kinder- und Jugendhilfe aus und vielleicht auch mit der Ebene der Entscheidungsträger*innen in der Bildungs- oder Sozialpolitik aus? Können Sie in dieser Hinsicht aus Ihren bisherigen Ergebnissen heraus auch bereits Handlungsempfehlungen mit Blick auf Digitalisierung in Kindertagesstätten aussprechen?

FC: Digitale Medien gehören zu unserem Alltag und sollten daher auch in der der Kita als selbstverständlich angesehen werden. Dies muss in der Breite sichtbar werden und nicht nur in Leuchtturmprojekten.

Wir halten es daher zum einen für bedeutend, Medienpädagogik als Bildungsbereich und zum anderen die Nutzung digitaler Werkzeuge selbst in den Bildungs- und Orientierungsplänen der Länder umfassender zu verankern.

Kitas sollten darauf basierend „Medienpädagogische Konzepte“ entwickeln. Träger spielen eine wichtige Rolle in der Unterstützung, aber auch im Aufbau, eines trägerweiten Konzepts.

Hinsichtlich der Professionalisierung von Fachkräften sehen wir ebenfalls großes Potential und empfehlen den Ausbau von Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten in Bezug auf digitale Medien sowie die Verankerung des medienpädagogischen Themenfeldes bereits in Ausbildung und Studiengängen der Frühkindlichen Bildung. Fortbildungen sollten hier gezielt genutzt werden, um an den Überzeugungen und Motivationen der Fachkräfte anzusetzen, und das Potenzial sowie die Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien aufzeigen.

Ich sehe die Entscheidungsträger hierbei vor allem in der Rolle der Finanzierung und des Ausbaus. Zudem sollte es eine technische Grundausstattung in den Kitas geben. Hierbei ist es wichtig, dass diese technisch einwandfrei funktioniert und regelmäßig gewartet wird. Zudem sollten die Einrichtungen einfach und zeitnahe technische und pädagogische Unterstützung vor Ort erhalten, wenn es zu Fragen kommt.  

FH: Vielen Dank! Wir sind auf jeden Fall schon sehr gespannt darauf, noch mehr über die Ergebnisse Ihres Forschungsprojekts und Ihre Schlussfolgerungen zu erfahren. Was uns abschließend noch interessieren würde: Was sind denn für Sie im Hinblick auf das Thema „Digitalisierung in der Kindertagesbetreuung“ aktuell noch besonders zentrale Fragen, zu denen weiterer Forschungsbedarf besteht? Und haben Sie selbst aktuell bereits weitere Forschungsprojekte oder vielleicht auch Praxis-Projekte zur Förderung von Digitalisierungsprozessen in Kindertagesstätten geplant?

FC: Es besteht nach wie vor weiterer Forschungsbedarf dazu, wie gute pädagogische Qualität zur Nutzung digitale Medien in Bildungssituationen mit Kindern aussehen und in der Breite umgesetzt werden kann. Dazu müssen wir auch wissen, welche Auswirkungen digital gestützte Angebote im Kontext von Kindertageseinrichtungen für welche Kinder unter welchen Rahmenbedingungen haben können.

FH: Liebe Frau Cohen, Liebe Frau Schröter, ich danke Ihnen sehr für dieses Interview! Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall noch viel Erfolg beim weiteren Auswerten und Publizieren der Ergebnisse Ihres Projekts „DIGIPaed“. Und für Ihre weiteren Forschungstätigkeiten wünsche ich Ihnen selbstverständlich ebenfalls alles Gute!

 

Das Interview wurde textbasiert und zeitversetzt durchgeführt, d.h. die Interviewfragen wurden Frau Prof. Dr. Cohen und Frau Schröter vorab zugeschickt und die Antworten wurden anschließend zurückgeschickt.

Weitere Informationen zu dem im Interview vorgestellten Forschungsprojekt "DIGIPaed. Digitalisierung in der frühkindlichen Bildung: Pädagogische Überzeugungen und Motivationen als Gelingensfaktoren der Implementierung in der pädagogischen Praxis" finden Sie hier.

Hier gelangen Sie zur Übersicht über alle bisher im Rahmen des Projekts "JAdigital" durchgeführten Interviews.

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