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Grundsatzfragen

Welche Rolle spielt die Kinder- und Jugendhilfe in der Digitalstrategie der Bundesregierung?

In dem 52-seitigen Dokument zur Digitalstrategie der Bundesregierung vom 31. August 2022 findet die Kinder- und Jugendhilfe an zwei Stellen explizit Erwähnung:

  • Zum einen heißt es auf S. 6: "Die Digitalisierung in den Bereichen Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, Arbeit, Gesundheit, Pflege, Mobilität, Nahversorgung, Kultur und Medien, bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt führt zu einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in urbanen und ländlichen Räumen und trägt somit zur Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse bei"
  • Zum anderen heißt es auf S. 28: "Wir wollen uns 2025 daran messen lassen, ob:
    • Bund, Länder, Kommunen und freie Träger auf Basis einer gemeinsamen Strategie zur Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe kooperieren
    • die Anregung und Förderung von Aktivitäten in der Kinder- und Jugendhilfe zur Stärkung der Digitalkompetenzen von jungen Menschen und Fachkräften durch den Bund erheblich zugenommen hat und digitale Werkzeuge zu qualifizierterer Beratung und stärkerer Nutzung von Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe beitragen."

An weiteren Stellen finden sich Anmerkungen, die die Kinder- und Jugendhilfe zumindest implizit betreffen oder zumindest einzelne Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe betreffen:

  • Auf S. 5 wird erwähnt, dass alle Bildungseinrichtungen sich das Potenzial der Digitalisierung für bessere Bildung und mehr Chancengerechtigkeit zunutze machen. Als Bildungseinrichtungen werden hierbei auch Kindertageseinrichtungen sowie non-formale und informelle Bildungsorte genannt.
  • Auf S. 7 werden mehr geschützte, öffentlich-rechtliche, virtuelle Räume, in denen sich Kinder und Jugendliche, Mädchen und Frauen und vulnerable Gruppen jenseits von Geschlechterstereotypen und in ihrer Vielfalt austauschen und positionieren können als ein Zielbild beschrieben.
  • Auf S. 27 wird betont, dass man dafür sorge, dass schon Kinder und Jugendliche in einem sicheren digitalen Umfeld und geschützten digitalen Räumen teilhaben und Chancen für sich nutzen können und die aktuellen gesetzlichen Reformen hierfür konsequent durchgesetzt werden, z.B. mit der neu aufgestellten Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz

Das vollständige Dokument "Digitalstrategie. Gemeinsam digitale Werte schöpfen" steht hier zur Verfügung.

Zu der Webseite Digitalstrategie Deutschland gelangen Sie hier.

Welche Bedeutung hat das Onlinezugangsgesetz (OZG) für die Kinder- und Jugendhilfe?

Mit dem 2017 verabschiedeten und inkraftgetretenen Onlinezugangsgesetz (OZG) sind zwei zentrale Ziele verbunden:

  1. die Digitalisierung von Verwaltungsleistungen auf der Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene und
  2. die Schaffung einer IT-Infrastruktur, die allen Nutzer*innen einen einfachen elektronischen Zugang zu Verwaltungsleistungen ermöglicht.

Insgesamt sind 575 OZG-Leistungen zu digitalisieren, deren Umsetzung in 14 Themenfeldern erfolgt. Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe sind in dem Themenfeld "Familie und Kind" direkt adressiert. Es sind insgesamt 21 OZG-Verwaltungsdienstleistungen in acht Umsetzungsprojekten (Adoption und Pflegekinder, Betreuungs- und Kulturangebote, Eheschließung, Familienförderung, Geburt, Kombinierte Familienleistungen, Namensänderung und Schwangerschaft) benannt. Z.B. beinhaltet das Umsetzungprojekt Familienförderung die drei Leistungen Unterhaltsvorschuss, Beistandschaft und Gewährung von Hilfen zur Erziehung. Die Länderfederführung übernimmt das Land Bremen, die Bundeskoordination das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Den vollständigen Gesetzestext des OZG finden Sie hier.

Die Umsetzunsprojekte sowie weitere Informationen zum Themenfeld "Familie und Kind" finden Sie hier.

Allgemeine Aspekte zur Implementierung und Nutzung digitaler Technologien und digitaler Tools

Wie kann bereits bei der Entwicklung digitaler Technologien für Leitungs- und Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe dafür Sorge getragen werden, dass die Technologien einen fachlichen Mehrwert haben und keine (zusätzliche) Belastung sind?

Empirische Befunde zeigen, dass einige Führungskräfte der Sozialen Arbeit digitale Technologien vorwiegend als Arbeitsbelastung empfinden. So unterstützen digitale Systeme zwar bei administrativen Tätigkeiten, bringen jedoch oft auch neue Aufgaben mit sich, die über das eigentliche Kerngebiet sozialpädagogischer Fachkräfte hinausreichen.

Damit digitale Systeme für Leitungs- und Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe einen erkennbaren Mehrwert haben, ist es daher wichtig, bereits bei deren Entwicklung nicht bloß technische und betriebswirtschaftliche Aspekte, sondern vor allem auch zentrale fachliche Bedürfnisse der Sozialen Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe zu berücksichtigen. Bisher ist dies jedoch kaum der Fall und sozialpädagogische Fachkräfte haben meist wenig Möglichkeit, bei der Entwicklung neuer digitaler Systeme für die Kinder- und Jugendhilfe ihre fachliche Perspektive miteinzubringen.

Es erscheint daher dringend geboten, dass bereits bei der Entwicklung neuer digitaler Technologien und Systeme für die Kinder- und Jugendhilfe ein breites Netzwerk aus unterschiedlichen relevanten Akteur*innen einbezogen wird. Zu diesen Akteur*innen sollten neben den Mittelgebenden und den Programmierer*innen unbedingt auch Leitungs- und Fachkräfte sowie Adressat*innen der Kinder- und Jugendhilfe zählen.

Hinweis: Dieser Text basiert inhaltlich auf Beschreibungen in der vom ism in Auftrag gegebenen Expertise „Einsatz digitaler Technologien in der Kinder- und Jugendhilfe“ von Nina Rehme und Prof. Dr. Uwe Seelmeyer. In Kapitel 5.3 der Expertise werden die hier skizzierten Aspekte näher ausgeführt.

Hier können Sie die Expertise „Einsatz digitaler Technologien in der Kinder- und Jugendhilfe“ lesen.

Hier finden Sie außerdem eine Übersicht über weitere bisher veröffentlichte vom ism in Auftrag gegebene Expertisen zu Themen der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe.

Einsatz von Messengern zur digitalen Beziehungsgestaltung

Welche Potenziale und Herausforderungen birgt der Einsatz von Messenger-Diensten für die Gestaltung der Beziehung zwischen Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe und Adressat*innen? Worauf sollten Fachkräfte beim Einsatz von Messenger-Diensten achten?

Der Einsatz von Messenger-Diensten kann die Beziehungsgestaltung zwischen Fachkräften und Adressat*innen (junge Menschen sowie Eltern / Sorgeberechtigte) in der Kinder- und Jugendhilfe auf vielfältige Weise unterstützen. Aufgrund der weit verbreiteten Nutzung, bei jungen Menschen ebenso wie bei Erwachsenen, bietet die Nutzung von Messenger-Diensten, wie z.B. WhatsApp, Signal oder Threema, Fachkräften und Adressat*innen einen einfachen und niedrigschwelligen Weg, um miteinander in Kontakt zu treten und in Kontakt zu bleiben. Die Möglichkeit, über Messenger-Dienste sowohl textbasierte Nachrichten als auch multimediale Inhalte wie Fotos, Videos und Emojis auszutauschen, eröffnet neue Wege für eine lebensnahe und interaktive Kommunikation, die den persönlichen Austausch ergänzen und bereichern kann.

Messenger-Dienste können z.B. gut genutzt werden, um Adressat*innen über aktuelle Angebote zu informieren. Durch die niedrigschwellige Erreichbarkeit können Fachkräfte zudem besonders zeitnah auf Fragen und Anliegen der Adressat*innen eingehen. Wenn Adressat*innen die Erfahrung machen, dass Fachkräfte über Messenger-Dienste wertschätzend mit ihnen kommunizieren und ihnen schnell und zielgerichtet helfen, kann dies eine gute Voraussetzung zum Aufbau vertrauensvoller Beziehungen zwischen Fachkräften und Adressat*innen sein. Zudem bietet die Verwendung von Messenger-Diensten die Chance, die Teilhabe der Adressat*innen (insbesondere der jungen Menschen) zu fördern, indem diese aktiv in die Gestaltung von Angeboten und Entscheidungsprozessen einbezogen werden. Zur Stärkung der aktiven Mitgestaltung von jungen Menschen an Angeboten  der Kinder- und Jugendhilfe kann wiederum der Einsatz zusätzlicher Apps hilfreich sein (eine Auswahl an digitalen Tools zur Beteiligung von jungen Menschen finden Sie auf unserer Online-Plattformhier).

Der Einsatz von Messenger-Diensten im Kontakt mit Adressat*innen bringt für Fachkräfte aber auch neue Herausforderungen mit sich (eine rechtliche Einordnung zum Einsatz von Messenger-Diensten finden Sie im Rechtsgutachten des DIJuF auf S 140 ff.). Hierbei ist insbesondere der Datenschutz anzuführen. Fachkräfte müssen sicherstellen, dass sensible Informationen der Adressat*innen geschützt sind. Die am häufigsten von jungen Menschen und auch von Erwachsenen genutzten Messenger-Dienste sind jedoch oft nicht DSGVO-konform (DSGVO-konforme Messenger-Dienste sind z.B. Threema, Rocket Chat und Teamwire. Im Vergleich zu WhatsApp werden all diese Messenger-Dienste jedoch sowohl von jungen Menschen als auch von Erwachsenen wesentlich seltener genutzt). Weiterhin ist zu bedenken, dass es immer auch vorkommen kann, dass Adressat*innen über Messenger-Dienste unangemessene und unter Umständen sogar strafrechtlich relevante Inhalte versenden. Fachkräfte sollten die Adressat*innen daher auf verständliche Weise über Regelungen des Datenschutzes und deren Sinn und Zweck informieren, bevor sie mit ihnen eine Beziehung über die Kommunikation mit einem Messenger aufbauen. Nicht zuletzt ist zu beachten, dass eine Kommunikation per Messenger-Dienst Adressat*innen eine Dauererreichbarkeit suggeriert, die von Fachkräften in der Regel nicht gewährleistet werden kann und auch nicht sollte.

Um den skizzierten Herausforderungen zu begegnen, ist zu empfehlen, mit den Adressat*innen klare Absprachen dazu zu treffen, welche Informationen und Arten von Inhalten darüber geteilt werden dürfen und welche nicht. Auch sollte den Adressat*innen transparent gemacht werden, zu welchen Zeiten die Fachkräfte per Messenger-Dienst erreichbar sind und zu welchen nicht.

Es kann sich zudem anbieten, in den verwendeten Messenger-Diensten eine automatische Abwesenheitsnotiz einzustellen, über die die jungen Menschen darüber informiert werden, wenn eine Fachkraft aktuell nicht erreichbar ist und ab wann sie wieder per Messenger-Dienst zu erreichen ist (Im Falle von WhatsApp ist die Funktion, eine solche Abwesenheitsnotiz zu erstellen, derzeit nur in der Business-Version, aber nicht in der privaten Version enthalten. Jedoch kann auch die zusätzliche App „Autoresponder für WhatsApp“ für diesen Zweck genutzt werden. Diese App steht aktuell aber nur für Android-Geräte und noch nicht für iOS-Geräte zur Verfügung). In einer entsprechenden Abwesenheitsnotiz können dann auch Hinweise zu weiteren möglichen Kontaktpersonen oder zu professionellen Online- oder Telefonberatungsangeboten hinterlegt werden.

Bei der Nutzung eines Messenger-Dienstes zur digitalen Beziehungsgestaltung mit Adressat*innen sollten Fachkräfte zudem bedenken, dass die Adressat*innen ihr Smartphone womöglich nicht per Zugangscode absichern und so Dritte beim Öffnen des Messenger-Dienstes auf den Geräten der Adressat*innen auf vertrauliche Gesprächsinhalte zugreifen könnten. Daher empfiehlt es sich, dass Fachkräfte eine webbasierte Version des verwendeten Messenger-Dienstes nutzen und sich bei der Nutzung an- bzw. abmelden und dies auch den Adressat*innen, mit denen sie über den Messenger-Dienst in Kontakt stehen, empfehlen.

Fachkräfte sollten für die digitale Beziehungsgestaltung per Messenger-Dienst außerdem in jedem Fall ein dienstliches und kein privates Gerät verwenden. Zudem sollten sich Fachkräfte an das jeweilige offiziell vorgesehene Mindestalter zur Nutzung eines Messenger-Dienstes halten. Das Mindestalter zur Nutzung von beispielsweise WhatsApp liegt aktuell (19.03.2024) in Ländern der Europäischen Union bei 16 Jahren. Ab dem 11. April gelten jedoch neue Nutzungsbedingungen, sodass der Messenger ab diesem Zeitpunkt bereits mit 13 Jahren (wie dann weltweit) genutzt werden darf. D.h. für Fachkräfte, dass dieser Messenger-Dienst zur digitalen Beziehungsgestaltung mit Personen, die dieses Alter bereits erreicht haben, genutzt werden kann.

Bei dem Einsatz von Messenger-Diensten sollte zudem ganz grundsätzlich berücksichtigt werden, zu welchem Zweck und in welchem Zusammenhang die Nutzung erfolgt. So ist es z.B. als vergleichsweise unproblematisch anzusehen, Messenger-Dienste zur Information von jungen Menschen über Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit zu nutzen. Denn in diesem Fall ist nicht zu erwarten, dass sensible Daten zwischen Adressat*in und Fachkraft ausgetauscht werden. Etwas anders stellt sich die Situation beispielsweise bei der Kommunikation im Kontext von Hilfen zur Erziehung dar, denn hier kann angenommen werden, dass die Kommunikation sehr sensible, und damit besonders schützenswerte Daten, enthält.

Wenn Einrichtungen oder einzelne Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe zu dem Schluss kommen, dass sie aufgrund der beschriebenen Anforderungen und Datenschutzmängel lieber von dem Einsatz gängiger Messenger-Dienste zur digitalen Beziehungsgestaltung mit Adressat*innen absehen möchten, können sie trotzdem anerkennen, dass Messenger-Dienste gerade unter Jugendlichen einen enorm hohen Stellenwert einnehmen und daher eine äußerst effektive Möglichkeit sind, um junge Menschen niedrigschwellig zu erreichen. Überlegenswert erscheint vor diesem Hintergrund, jungen Menschen die Möglichkeit einer Erstkontaktaufnahme per Messenger-Dienst anzubieten, um dann die weitere Kommunikation über andere Wege fortzuführen. Meist werden persönliche Informationen erst sukzessive mitgeteilt, sodass junge Menschen im Verlauf der professionellen Beziehungen mit Fachkräften für den Schutz ihrer persönlichen Daten sensibilisiert werden können und auf sicherere und datenschutzkonforme digitale Tools hingewiesen werden bzw. diese zur Verfügung gestellt bekommen können.

Trotz der damit verbundenen Herausforderungen kann der Einsatz von Messenger-Diensten grundsätzlich eine wertvolle Ergänzung für die Gestaltung von Kontakten und (Beratungs-) Beziehungen zwischen Fachkräften und Adressat*innen in der Kinder- und Jugendhilfe sein, die gerade jungen Menschen neue Möglichkeiten des Zugangs zu Unterstützung sowie zur Teilhabe bieten kann.

Hinweis: Dieser Text basiert in Teilen auf Inhalten der vom ism in Auftrag gegebenen Expertisen „Digitale Kommunikation, Beratung und Beziehungsgestaltung im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe“ von Prof. Emily M. Engelhardt(Hochschule München), sowie „Stand und Entwicklung der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendarbeit / Kinder- und Jugendbildung“ von Dr. Eike Rösch (Radarstation) & Asmae Harrach-Lasfaghi (TH Köln) sowie „Digitalisierung und Teilhabe: Chancen und Risiken in der Kinder- und Jugendhilfe“ von Susanne Enssen, Iris Nieding & Prof. Dr. Sybille Stöbe-Blossey (Universität Duisburg-Essen).

Hier können Sie die Expertise „Digitale Kommunikation, Beratung und Beziehungsgestaltung im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe“ lesen.

Hier können Sie die Expertise „Stand und Entwicklung der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendarbeit / Kinder- und Jugendbildung“ lesen.

Hier können Sie die Expertise „Digitalisierung und Teilhabe: Chancen und Risiken in der Kinder- und Jugendhilfe“ lesen.

Hier finden Sie außerdem eine Übersicht über weitere bisher veröffentlichte vom ism in Auftrag gegebene Expertisen zu Themen der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe.

Welche Kompetenzen benötigen Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe für den professionellen Einsatz von Messenger-Diensten zur Gestaltung der Beziehung mit Adressat*innen (jungen Menschen und Eltern / Sorgeberechtigten)?

Vor dem Hintergrund der weiten Verbreitung von Messenger-Diensten, gerade auch bei jungen Menschen, stellt deren Nutzung in der Kinder- und Jugendhilfe eine prüfenswerte Möglichkeit dar, um mit Adressat*innen in Kontakt zu treten und Kontakt zu halten. Damit allerdings Fachkräfte Messenger-Dienste professionell in ihrer Arbeit einsetzen können, müssen sie über die notwendigen Medien- und Methodenkompetenzen sowie technischen und datenschutzbezogenen Kompetenzen verfügen. Besonders hervorzuhebende Kompetenzen sind in diesem Zusammenhang folgende:

  • Verständnis für die mediennutzungsbezogenen Trends und Praktiken der Adressat*innen: Mit Blick auf typische Nutzungsweisen von jungen Menschen betrifft dies etwa Kenntnisse darüber, welche Messenger-Dienste genutzt werden und welche Funktionen dabei verwendet werden sowie Kenntnisse über die Art der Kommunikations- und Interaktionsgestaltung der jungen Menschen (untereinander).
  • Spezifische Fähigkeiten für die Kommunikation über digitale Tools: So braucht es z.B. Wissen darüber, wie mit jungen Menschen über digitale Kanäle empathisch, klar verständlich und professionell kommuniziert werden kann. Dabei gilt es auch Fragen des Einsatzes unterschiedlicher Medieninhalte (Text, Bild, Audio, Video) zur Interaktion zu berücksichtigen.
  • Die Fähigkeit, eine angemessene Balance zwischen Nähe und Distanz zu wahren: Fachkräfte sollten z.B. in der Lage sein, die Kommunikation mit Adressat*innen über Messenger-Dienste in ihren regulären Arbeitsalltag zu integrieren, ohne dass dies zu einer ständigen Erreichbarkeit führt. Wichtig sind daher klare Kommunikationsregeln bzw. -absprachen mit den Adressat*innen, die sich insbesondere auf Reaktionszeiten und den Zweck der Nutzung von Messenger-Diensten beziehen.
  • Sensibilisierung für Fragen des Datenschutzes: Fachkräfte sollten Maßnahmen zur Sicherstellung der Vertraulichkeit der Kommunikation per Messender-Dienst zwischen Fachkräften und Adressat*innen kennen und anwenden. Nicht minder wichtig ist zudem, dass Fachkräfte die Adressat*innen in wertschätzender und verständlicher Weise ebenfalls über entsprechende Schutzmaßnahmen und deren Notwendigkeit und Zweck informieren. In diesem Sinne geht es im Sinne des Datenschutzes nicht um die Verhinderung von digitaler Kommunikation, sondern vielmehr um eine Ausgestaltung, die den Vertrauensschutz achtet.

Hinweis: Dieser Text basiert in Teilen auf Inhalten der vom ism in Auftrag gegebenen Expertise „Digitale Kommunikation, Beratung und Beziehungsgestaltung im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe“ von Prof. Emily M. Engelhardt, Hochschule München und „Digitalisierung und Teilhabe: Chancen und Risiken in der Kinder- und Jugendhilfe“ von Susanne Enssen, Iris Nieding & Prof. Dr. Sybille Stöbe-Blossey, Universität Duisburg-Essen.

Hier können Sie die Expertise „Digitale Kommunikation, Beratung und Beziehungsgestaltung im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe“ lesen.

Hier finden Sie außerdem eine Übersicht über weitere bisher veröffentlichte vom ism in Auftrag gegebene Expertisen zu Themen der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe.

Einsatz von digitalen Technologien und digitalen Tools zur Dokumentation und zum Fallmanagement

Inwiefern kann die Nutzung von digitalen Dokumentationssystemen zu einer (De-)Professionalisierung sozialpädagogischer Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe beitragen?

Die Verwendung von digitaler Software zur Dokumentation und zum Fallmanagement ist in der Kinder- und Jugendhilfe inzwischen weit verbreitet. Digitale Systeme zur Falldokumentation zeichnen sich stets durch eine Vorstrukturierung aus, etwa in Form von bestimmten Kategorien, zu denen eine Fachkraft Informationen eintragen kann. Hierdurch bringt die Nutzung digitaler Dokumentationssysteme zwangsläufig eine stärkere Standardisierung von Arbeitsprozessen mit sich.

Einerseits kann die Vorstrukturierung digitaler Dokumentationssysteme dazu beitragen, dass bestimmte wichtige Aspekte bei einem Fall nicht unberücksichtigt bleiben. Gerade mit Blick auf mögliche Kindeswohlgefährdungen kann sich dies als ausgesprochen wichtig erweisen, um fundierte und auf einer möglichst umfassenden Datengrundlage basierende Beurteilungen zu treffen. Die Nutzung vorstrukturierter digitaler Dokumentationssysteme kann ein besonders präzises und genaues Arbeiten von Fachkräften begünstigen und somit grundsätzlich durchaus auch mit einem Gewinn für das professionelle Handeln sozialpädagogischer Fachkräfte verbunden sein.

Auf der anderen Seite ist aber zu bedenken, dass die Vorstrukturierung einer digitalen Dokumentationssoftware für eine Fachkraft unter Umständen auch einschränkend sein kann. So kann es z.B. vorkommen, dass eine Fachkraft bei der Bearbeitung eines Falles auch auf Aspekte stößt, die in den Kategorien der Software nicht oder zumindest nicht hinreichend abgedeckt sind. Insbesondere bei komplexeren Querschnittsthemen besteht die Gefahr, dass diese in digitalen Dokumentationssystemen zu wenig Berücksichtigung finden.

Nicht zuletzt muss betont werden, dass auch die Verwendung eines digitalen Dokumentationssystems keine rein objektive Falldokumentation ermöglicht. Denn welche Informationen über die einzelnen Personen in einem Fall (insbesondere Kinder/Jugendliche und deren Eltern/Sorgeberechtigte) eingetragen werden, beruht letztlich noch immer auf subjektiven Entscheidungen der Fachkräfte.

Festzuhalten ist, dass die Nutzung digitaler Dokumentationssysteme für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe durchaus eine gewinnbringende Arbeitsunterstützung sein kann und das Treffen fundierter fachlich begründete Entscheidungen begünstigen kann. Wichtig ist jedoch, dass Fachkräfte sich auch der Grenzen entsprechender Dokumentationssysteme bewusst und in der Lage dazu sind, auch über die vorstrukturierten Kategorien eines digitalen Dokumentationssystems hinauszudenken.

Dringend geboten erscheint vor diesem Hintergrund die Etablierung von umfassenden Einarbeitungs- und Weiterbildungskonzepten zur Nutzung der digitalen Dokumentationssysteme. In diesen Konzepten sollten dann nicht nur Aspekte der technischen Bedienung, sondern immer auch Aspekte der kritischen fachlichen Reflexion berücksichtigt werden. Das Erfahrungswissen von Fachkräften sollte zudem immer wieder herangezogen werden, um bestehende digitale Dokumentationssysteme auf dieser Basis fortlaufend unter technischen und unter fachlichen Gesichtspunkten verbessern zu können.

Hinweis: Dieser Text basiert in Teilen auf Beschreibungen in der vom ism in Auftrag gegebenen Expertise „Einsatz digitaler Technologien in der Kinder- und Jugendhilfe“ von Nina Rehme und Prof. Dr. Uwe Seelmeyer. In Kapitel 4.3.1 der Expertise werden einige der hier skizzierten Aspekte näher ausgeführt.

Hier können Sie die Expertise „Einsatz digitaler Technologien in der Kinder- und Jugendhilfe“ lesen.

Hier finden Sie außerdem eine Übersicht über weitere bisher veröffentlichte vom ism in Auftrag gegebene Expertisen zu Themen der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe.

Einsatz von digitalen Technologien und digitalen Tools im Kinderschutz

Ist es realistisch, dass Gefährdungseinschätzungen im Kinderschutz in absehbarer Zeit nicht mehr von Fachkräften getroffen werden, sondern von einer Künstlichen Intelligenz (KI)?

Das Thema "Künstliche Intelligenz" ist spätestens seit dem Start von "ChatGPT" in aller Munde. Auch im Kinderschutz werden Einsatzmöglichkeiten von Machine Learning und Künstlicher Intelligenz zum Einsatz bei Gefährdungseinschätzungen schon seit längerem diskutiert und wurden in verschiedenen internationalen Studien bereits mit unterschiedlichen Ergebnissen untersucht.

Grundsätzlich ist das Potenzial von Machine Learning und Künstlicher Intelligenz als sehr hoch einzuschätzen, wenn es darum geht, Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Ereignisse (z.B. das Vorkommen von häuslicher Gewalt) möglichst präzise zu berechnen. Für die Verlässlichkeit entsprechender Berechnungen und daraus abgeleiteter Prognosen spielen jedoch auch Umfang und Qualität der Datenbasis, mit der die hierzu verwendeten Algorithmen trainiert wurden, eine große Rolle.

Unter bestimmten Voraussetzungen (z.B. der Gewährleistung eines repräsentativen Trainingsdatensatzes) könnten digitale Assistenzsysteme, die mit Machine Learning / Künstlicher Intelligenz arbeiten, hilfreich sein, um Fachkräften im Rahmen der Gefährdungseinschätzung Hinweise dazu an die Hand zu geben, auf welche Aspekte sie bei einem konkreten Fall noch stärker achten sollten, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können.

Da eine Gefährdungseinschätzung nach §8a SGB VIII jedoch stets im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte und möglichst auch unter Einbezug der betroffenen Kinder/Jugendlichen zu erfolgen hat, wäre eine Gefährdungseinschätzung, die ausschließlich auf der Basis von Machine Learning / Künstlicher Intelligenz  getroffen wird, mit der aktuell geltenden Rechtslage in Deutschland nicht vereinbar. Somit bleibt eine Gefährdungseinschätzung fachlich qualifizierten Personen vorbehalten und ist von diesen nach fachlichen Standards durchzuführen.

Dies wiederum schließt allerdings keinesfalls aus, dass die Ergebnisse eines mit Machine Learning / Künstlicher Intelligenz arbeitenden digitalen Assistenzsystems  bei einer Gefährdungseinschätzung durch Fachkräfte ebenfalls mitberücksichtigt werden dürfen. Aktuell kommen digitale Assiszsysteme mit Machine Learning / Künstlicher Intelligenz in deutschen Jugendämtern aber noch nicht zum Einsatz.

In dem deutschen interdisziplinären Forschungsprojekt "KAIMo" wird derzeit untersucht, ob Künstliche Intelligenz Entscheidungen im Rahmen der Gefährdungseinschätzung unterstützen oder sogar selbst treffen kann. Hierzu wird mit mit mehreren Jugendämtern in Bayern zusammengearbeitet. Weitere Informationen zu dem Forschungsprojekt finden Sie hier.